BLEIBE, Schriftzug am Dorfgemeinschaftshaus Flörsbachtal, 1 x 3,50 m, Multiplex, 2026

Foto: Ralf Böhm

Outdoor-Museum der Poesie – Kunstroute Main-Kinzig

Standort Flörsbachtal


Sabine Hartung

BLEIBE


Mit dem Schriftzug BLEIBE erhält das neue Dorfgemeinschaftshaus in Flörsbachtal eine künstlerische Arbeit, die für diesen Ort und das Zusammenkommen entstanden ist.

Auf den ersten Blick scheint das Wort eindeutig. Auf den zweiten gerät etwas ins Wanken: Zwei der sechs Buchstaben sind spiegelverkehrt. Die vertraute Lesebewegung wird für einen Moment unterbrochen, das scheinbar Eindeutige verlangt einen zweiten Blick. Diese Irritation ist Teil der Arbeit. Der Schriftzug möchte nicht möglichst schnell gelesen und als Botschaft abgehakt werden. Er setzt dem flüchtigen Lesen einen kleinen Widerstand entgegen. Erst aus dem Hinschauen wird ein Lesen – und vielleicht aus dem Lesen eine Frage.

BLEIBE. Eine Bleibe suchen, eine finden, nicht finden, verlieren, eine Bleibe anbieten, gestalten. Eine Bleibe ist nicht selbstverständlich, sie ist, ähnlich wie Heimat, ein fragiler Ort.

Als Verb gelesen richtet sich das Wort in die Zukunft, kann Aufforderung sein, Wunsch oder Bitte – sehnsuchtsvoll, hoffend, die so poetisch klingt wie paradox ist und dem Titel eines Gedichtes entnommen sein könnte.

Welche Lesart die richtige ist, legt die Arbeit nicht fest. Mich interessiert vielmehr der Moment, in dem etwas Vertrautes plötzlich nicht mehr ganz selbstverständlich erscheint. Kunst kann einen solchen Moment erzeugen: Sie kann irritieren, Fragen aufwerfen und unterschiedliche Lesarten nebeneinander bestehen lassen.

Auch formal verweigert sich BLEIBE der Einheitlichkeit. Die sechs aus Holz gefertigten Lettern stammen aus verschiedenen Schriftfamilien und wurden jeweils anders bearbeitet: geritzt, geschnitzt, gebohrt, gefräst, bemalt und gezeichnet. Jeder Buchstabe hat dabei seine eigene Geschichte. Einen konkreten Bezug zum Ort trägt das E: Seine reliefartig bearbeitete Oberfläche nimmt Wasser und Vegetation des Flörsbachs auf, der der Gemeinde ihren Namen gibt. Die eingebohrten Punkte bilden Blindenschrift und geben das Motto der vier Ortsteile wieder: „Wir sind Vier“.

Mit Abstand vor der Wand montiert, werfen die Buchstaben Schatten, die sich mit Licht und Tageszeit verändern und Teil der Arbeit werden.

Holz ist dabei nicht zufällig gewählt. Im Spessart habe ich die künstlerische Arbeit mit diesem Werkstoff für mich entdeckt und 2022 im Rahmen eines Projektstipendiums der Hessischen Kulturstiftung intensiv damit auseinandergesetzt. Erfahrungen aus dieser Zeit sind unmittelbar in BLEIBE eingeflossen.

Sabine Hartung, Flörsbachtal 9/2026

Das Outdoor-Museum der Poesie macht den gesamten Main-Kinzig-Kreis zum Ausstellungsraum unter freiem Himmel. Künstlerinnen und Künstler bespielen Fassaden zum Thema »Schrift und Bild« – Sprache, die zum Bild wird, dort, wo Menschen leben, arbeiten und vorübergehen. Online ergänzen Interviews die Sicht auf Werk und Vita der Beteiligten. Verbunden sind alle Standorte über die »Kunstroute Main-Kinzig«. 

Kuratiert von Jörg Schmitz 

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Hauptförderer sind die Art Mentor Foundation Lucerne und der Kulturfonds Main-Kinzig. Träger ist die Stiftung Schrift und Bild.


Rat und Tat

Herstellung der Buchstaben-Rohlinge: Thomas Staab, Hermann Schäfer, 45°/90°-Schnitte: Rafi Zahra (HVH Holzverarbeitung Habichsthal); Montage: Wolfgang Wagner (glaswerkstätte Biebergemünd); Beratung Wetterschutz: Andrea Wagner (Malerwerkstätte Biebergemünd). Für die Beratung: Dank an Claus Marzluf (CCM, Flörsbachtal). Besonderer Dank an Roswitha und Armin Schäfer.